Vorbilder
Wir sehen nur noch das, was andere gewillt sind, uns zu
zeigen. Da jeder fehlbar ist, sich täuschen lassen kann, aufgrund
unzureichender Informationen und dem Willen des anderen zu täuschen, braucht
man sich nicht über den Verlust der Integrität einstiger Vorbilder zu wundern. Die
Alterspyramide lässt vermuten, dass sich das Wissen und die Erfahrungen des
Lebens im mehrheitlichen Bereich des Alters aufhalten. Die Gesellschaft handelt
allerdings gegenteilig. Sie fördert nur das Junge und sieht das Alte immer mehr
als unnütze, finanzielle Belastung. Solche Einstellungen verbreiten sich immer
schneller, je weniger Fixpunkte einer Gesellschaft und ihren Mitgliedern halt
geben. Jungen Leuten wird das Gefühl eingeimpft, aufgrund ihrer Ausbildung und
ihres Studiums mehr darzustellen, als die Generationen davor. Es wird nicht
mehr darauf hingewiesen, dass erst die vorhergehenden Generationen ein solches Leben
inklusive der entsprechenden Bildung ermöglicht haben. Ihr Beitrag in der
Vergangenheit wird durch die Probleme der Jetztzeit und die zukünftigen, zu
erwartenden Anforderungen und Kosten negiert.
Immer mehr Helden der Gesellschaft entpuppen sich nach
einiger Zeit, ob durch Zufall oder Recherche, als unerkannte Symbionten der
Gesellschaft. Sie leben von ihr, weniger mit ihr, sie saugen das letzte aus
ihrer Umgebung ab, sei es Geld, sei es Arbeitskraft oder Wissen. Sie tun dies
heimlich und oft ohne das Wissen der
Gesellschaft, da nur sie einen Vorteil aus dieser Symbiose ziehen und damit
gleichzeitig gegen Gesetze der Gesellschaft verstoßen.
Jeder aufgedeckte Fall wird als stilisierter Beweis, für die
Leistungsfähigkeit und Organisiertheit einer Gesellschaft gefeiert. Das
tausende, ähnlich handelnde und von gleichen Einstellungen getriebene Menschen
sich freudig die Hände reiben, wird geflissentlich ignoriert. Ich wurde nicht
erwischt, alles blickt nun auf das eine „Opfer“, niemand kümmert sich um die Gesamtheit.
Wenn ein Herr H. aus M. Millionen unterschlägt, ist dies
zwar schade, da er seine Vorbildwirkung verwirkt hat, aber auch irgendwie
harmlos. Durch ihn, ist niemand zu Schaden gekommen. Er hat dieses Geld verdient,
man hat es ihm ausgezahlt und er hat damit nach seinen Einstellungen gehandelt.
Ja, dem Staat fehlen ein paar Euro Steuern. Doch die Frage lautet, warum sind
die Geldflüsse des einfachen Arbeiters für alle Ämter erkennbar, warum sind
große Summen von Spitzenverdienern scheinbar unsichtbar. Herr H. ist nur das
Opferlamm, zur Beruhigung der Massen geschlachtet.
Menschen, die mit Hartz 4 in Berührung kommen, wissen sehr
genau, kein Eurocent bleibt unentdeckt, kein Geldfluss ohne Nachfrage durch das
Amt. Erst wenn alles verbraucht ist, können sie auf Hilfe hoffen.
Wenn nur zehn Prozent der Arbeitslosen, so arbeiten, wie mir
in einem Gespräch vor kurzem mitgeteilt wurde, sind die Verluste des Staates um
einiges größer als angenommen.
Herr E aus B arbeitet bei einer Transportfirma in der Stadt
B. Seit zwei Jahren verdingt er sich offiziell als Minijobber auf 160€ Basis.
Er arbeitet allerdings Vollzeit und erhält von seinem Arbeitgeber 700€ Cash,
zusätzlich zu den 160€. Das Arbeitsamt zahlt ihm die 360€ Hartz 4 und somit
seine Versicherungen. Der Firmeninhaber spart einiges an Steuern und Abgaben,
hat dafür wohl ein überdurchschnittliches, eigenes Gehalt, welches für die
Zahlungen unter der Hand genutzt werden muss. Der Mitarbeiter ist zufrieden,
der Chef ist es auch, der Staat auch, da er nichts weiß.
Später, ist einer Millionär, viele andere Menschen haben
sich keine anständige Rentenanwartschaft erarbeiten können. Der Staat zahlt
dann im Alter wieder einen Zuschuss, um diesen Menschen ein Überleben zu
sichern. Der Staat zahlt also nicht nur jetzt, die Lohnersatzleistungen für
geleistete Arbeit, sondern übernimmt auch die Altersversorgung für diese
Menschen. Für diesen einen Menschen. Der schlau genug ist, aus der Symbiose
innerhalb des Staatsgebildes, seinen persönlichen Vorteil zu ziehen. Es ist
sehr unwahrscheinlich, dass es sich bei solchem Gebaren um Einzelfälle handelt.
Lohndruck und Gier sind die Grundpfeiler des kapitalistischen Systems, ihnen
kann man kaum mit dem „guten Willen“ alleine entgegenwirken.
Immer mehr Firmenlenker sehen das Volk als lebendigen Acker,
welchen man nur regelmäßig pflügen muss. Am Anfang der Beschäftigung steht das
Gehalt oder der Lohn als Dünger für übermäßige Leistungen. Hört man auf, die
erbrachte Leistung zu bezahlen, gehen die meisten von alleine, werden vom
Arbeitsamt für die Aufgabe der unbezahlten Arbeit noch bestraft. Nur die
Arbeitgeber gehen Straffrei aus. Oft fehlt es den Opfern dieser Machenschaften
an Geld und Wissen, um gerichtlich, ihre Ansprüche durchzusetzen. Im Grunde
genommen haben sie aber nur keine Zeit, da sie die Lebensumstände, das
Nichtvorhandensein von finanziellen Reserven in die Hände des nächsten
Ausbeuters treiben.
Immer mehr Menschen kommen mit diesen Vorgängen in
Berührung. Die einen nehmen sich das zum Vorbild, die anderen leiden darunter
und können sich nicht wehren.
Wer bietet gegen diesen Verfall der Gesellschaft noch
Schutz? Wer ehrlich ist, kennt die Antwort. Niemand.
Sportler und Musiker sind bestimmt Vorbilder, solange sie
nicht ihre persönliche Meinung äußern. Musiker, die gedankenschwere,
gesellschaftskritische, problembezogene Texte singen und im Interview zugeben,
dass sie sich nur wenig Gedanken über die Inhalte machen, dienen zwar der
Unterhaltung, sind aber im Grunde genauso leer, wie ein Großteil der
Gesellschaft es schon ist. Ihnen werden die Texte vorgegeben, wie den Studenten
die immer wieder gleichen Formeln und Erkenntnisse. Auch dies führt also nicht
zu gesellschaftlichen Veränderungen und fördert nicht den Blick über den
Tellerrand. Oder Musiker, die bestimmte Wohngegenden ablehnen, da dort die
Unterklasse wohnt, obwohl auch oder gerade daher ihre Fans kommen und diese
sich ihr Leben kaum so wünschen.
Als Leistungsträger und Vorbilder können einige Vertreter
dieser Disziplinen schon dienen. Wenn man ihre Ansichten ausblendet und nur die
gesamtgesellschaftliche Leistung in der Öffentlichkeit bewertet. Sprich, wenn
man nicht alles weiß. So ist es wohl mit vielen Vorbildern, aus der Wirtschaft
und der Gesellschaft. Je begrenzter das Wissen über sie, je leuchtender ihr
Schein. Denn die Begrenztheit macht sie für die breitere Masse attraktiv. Je
mehr Einzelheiten bekannt werden, umso mehr Widersprüchlichkeiten treten auf.
Dies ähnelt den Marketingstrategien der Firmen dieser Welt. Weniger ist mehr
und trifft auf mehr Verständnis. Kompliziertheit stößt ab und trifft auf
Widerstand, außer bei wenigen, die das Komplizierte lieben.
Man soll den Vorbildern folgen. Oft führen und führten
sie Gesellschaften in den Abgrund. Denn es waren oftmals die falschen Werte,
die durch diese Vorbilder transponiert und transportiert wurden.
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