Dienstag, 18. Juni 2013

Nischen finden oder zugewiesen bekommen

Nischen finden oder zugewiesen bekommen


Wer sucht, der findet- wer will, der kann. Ist es wirklich so einfach, in dieser Gesellschaft seinen Platz zu finden? Wenn es so wäre, hätten wir wohl überall Vollbeschäftigung. Was hindert die Menschen  heute daran, ihren Stand in der Gesellschaft zu festigen und zu halten, oder überhaupt erst einzunehmen.
Meine Erfahrung nach der Wende:
Es spielte keine Rolle, was man ursprünglich gelernt hatte. Eine Einladung zum Vorstellungsgespräch folgte der Anderen. Als junger Mann oder junge Frau mit dem „entsprechenden“ Aussehen wurde man erst mal eingeladen. Man hatte noch die Wahl. Und man hat nicht weiter gedacht, als an das nächste Wochenende. Die Gespräche waren fast überall recht professionell und wurden von gestandenen Mitarbeitern der Unternehmen durchgeführt.
Die Wendezeit war allerdings auch für alle westlichen Unternehmen das letzte Aufbäumen, vor dem langsamen versickern der Märkte. Man wollte schnell sein, die 17 Millionen mussten überrannt werden, durften im Angesicht der Angebote und klingelnder Vertreter, nicht zur Ruhe kommen. Wie viele Ostdeutsche wurden wohl damals wissentlich übers Ohr gehauen, wie viel Lehrgeld mussten sie bezahlen? Mancher hat bis heute nichts dazu gelernt.
Seit der Schule wusste ich, dass Alteisen, nicht nur ein Wertstoff sein kann, sondern im Westen auch die Menschen so kategorisiert. Diejenigen, welche eine bestimmte Altersgrenze überschreiten und danach vom „sogenannten“ Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt werden. Selbst ihre eigenen Nachfragen führen zu keinem positiven Resultat. Als junger Mensch, kurz nach der Wende, dachte man nicht mehr an diese ungeschriebenen Gesetze. Man befand sich im Rad der Geschehnisse, wie ein Hamster und vergaß die Zeit, konzentrierte sich nur auf das Hier und Jetzt.
Als ich die Altersgrenze erreichte und nach einhundertsechzig Bewerbungen lediglich fünf sehr grenzwertige Gespräche ohne erfolgreichen Abschluss nachweisen konnte, erinnerte ich mich wieder an die alten Regelwerke. Ich bin ein recht guter Beobachter und Zuhörer. Dies macht nebenbei gesagt, das Leben nicht einfacher. Aber es gab mir die Möglichkeit, die wenigen Gesprächspartner schon vor Dienstantritt richtig einzuschätzen.
Menschen sind abhängig vom Wohlwollen anderer Menschen. Wie in anderen Abschnitten beschrieben, sinkt das Interesse der Menschen aneinander, die soziale menschliche Bildung befindet sich auf dem Rückzug, der Wortschatz und damit das bildliche Vorstellungsvermögen sowie die Fähigkeit zur positiven Kommunikation schwinden nicht nur bei Gesamtschülern sondern auch Abiturienten und Studenten, halt in der gesamten Gesellschaft. Personalabteilungen bestehen aus frisch ausgelernten, ausstudierten, halbfertigen Persönlichkeiten ohne Lebenserfahrung und ohne Herzensbildung, von der fehlenden Berufserfahrung und der falschen Anleitung, braucht man nicht zu sprechen.
Es gibt natürlich noch die Ausnahmen, diejenigen, auf die der vorherige Satz nicht zutrifft. Aber in einem immer angespannteren, dem Druck des Marktes und der nachdrängenden jungen Menschen ausgesetzten Umfeld, ist der Spielraum für solche Menschen mehr als gering. Die Aufstiegschancen ebenso. Die Masse beugt sich den Gegebenheiten.
Ich saß also jungen Personalverantwortlichen gegenüber, die nicht einmal mehr Augenkontakt halten wollten oder konnten. Denen die Langeweile ihres Postens und die Sinnlosigkeit des bevorstehenden Gespräches in jedem Winkel ihres Gesichtes und allen Gesten ihrer Körperhaltung abzulesen war. Oder Menschen, mit einem unverhohlenen, unterschwelligen und aggressiven Auftreten, deren Machtposition im Angesicht der Bewerber voll zum Vorschein kam. Das Eine, wie das Andere, sehr unangenehme Herangehensweisen, an ein Bewerbercasting.
In den vergangenen Jahren erlebte ich selbst viele Bewerber, ihre Unterlagen bestanden aus einem angefressenen A5 Blatt, sie konnten keine zwei Sätze zusammenhängend vortragen und waren mal eingeschüchtert oder eben völlig von sich eingenommen, halt selbstbewusst durch Nichtwissen. Doch taten sie mir eher leid, junge Menschen, denen die Schule und somit der Staat nichts mitgegeben hatte. Es machte mich auch wütend, zu wissen, dass diese Menschen in ihrem Leben nichts erreichen werden. Sind sie selber schuld? Sind sie so geboren worden? Nein und nochmal, nein! Die Gesellschaft macht sie zu dem, was sie sind. Dazu gehört der Staat als Spitze, die Familie als Hort und alle anderen Berührungspunkte innerhalb der Gesellschaft.
Was hindert Menschen heute also daran, ihre Nischen zu finden? Ist es das Postleitzahlen- Scanning, welches Wohnorte als Gettos  identifiziert und dessen Bewohner aus der Bewerberliste streicht, ist es das Aussehen der Bewerber, da die Personalverantwortlichen nach ihrem persönlichen Geschmack auswählen, ist es wieder die Farbe der Augen, braune Augen- du Ausländer, blaue und graue Augen- du Deutscher?
Die letzte Bemerkung klingt hart, ist allerding nach den NSU Vorfällen und den Verwicklungen des Staates in Unwissen und Unfähigkeit eine zumindest in Betracht zu ziehende Alternative.
Oder sind es die vielen Fallstricke in den Abschlusszeugnissen der Personalabteilungen, mit denen verdeckte Mitteilungen an die nächste Personalabteilung gesendet werden. Dass diese Mitteilungen am Ende einer Beschäftigung nicht immer objektiv sein können, braucht wohl nicht erklärt werden. Streit mit dem Vorgesetzten, marktbedingte Veränderungen, gesundheitliche Probleme, die Gründe für subjektive Einschätzungen sind so vielfältig, wie auch menschlich.
Wer heute nicht bereit ist, sich unter Wert zu verkaufen bleibt draußen.
Dieser Satz dürfte kaum zu widerlegen sein. Nach dem zweiten Weltkrieg und dem damit verbundenen Verlust so vieler junger Menschen, funktionierte der Arbeitsmarkt noch. Es bestand eine Nachfrage von Seiten der Arbeitgeber und umfangreiche Bildung war erforderlich. Nun ist seit Jahren das Angebot an Arbeitskräften weit höher als die Nachfrage. Der Markt ist so gut wie am Ende. Der Staat als Handlanger der Unternehmer, das Arbeitsamt als Dampfpresse immer im Einsatz gegen die Arbeitnehmer. Arbeitnehmer müssen alles hinnehmen, Lohndumping, schlechte Arbeitsschutzbedingungen, unakzeptable Vertragskonstellationen. So ist es nun mal, wenn ein Markt kippt.
Die zugewiesenen Nischen des Arbeitsamtes, unkontrolliert, unkommentiert, sind das letzte Aufgebot im Kampf des Systems gegen Arbeitslosigkeit und soziale Verrohung. Dabei unterstützen die staatlichen Einrichtungen noch den Niedergang, durch die Akzeptanz unmöglicher Arbeitsangebote und Aussprache von Zwangsstrafen bei Weigerung der Arbeitnehmer, diese anzunehmen.
Die Gründe, warum so viele Menschen keine Nischen mehr finden sind also vielfältig und von der Gesellschaft selbst entworfen. Etwas weniger Bürokratismus, etwas mehr Flexibilität in den Stellenbeschreibungen und der Wille, sich Menschen in der Praxis anzuschauen, könnte die Situation eventuell entspannen. Ansonsten warten wohl alle Beteiligte wieder auf die Dezimierung der Bevölkerung.
Es können nicht alle Menschen selbstständig sein. Zum einen fehlt der Wille, zum anderen die geistigen Voraussetzungen, meistens das Geld.

Man erntet, was man sät. Wer will das erleben. 

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