1989
Viel wurde über das Wendejahr 1989 gesagt, geschrieben und
durch Film-Theaterschaffende in Szene gesetzt. Wie üblich, überwiegen die
Meinungen der Profiteure einer Veränderung. Wie erlebten es junge Menschen, wie
erlebte ich es, was sah ich, was wusste ich, welche Eindrücke schlugen auf einen
Menschen ein. Welchen Veränderungen musste ich mich stellen und wie sah ich das
Ganze? Was konnte ich tun, welchen Einfluss hatte ich auf die Geschehnisse?
Im Mai 1989 begann mein Wehrdienst, in der Nationalen
Volksarmee. Stationiert in Niederlehme bei Königswusterhausen, bedeutete
dies einen langen Abschied von Zuhause
und einen extremen Einschnitt, in die persönliche Freiheit und jugendliche
Unbefangenheit. Ab jetzt hatten andere das Sagen und man hatte zu gehorchen.
Im Mai 1989 war von der Wendestimmung noch nichts zu spüren.
Grundausbildung, politische Bildung und die Versorgungslage waren für Offiziere
und Mannschaften unverändert und Alltag.
Dank des Fernsehverbotes und zahlreichen Aufgaben im
Revierdienst oder durch zugeteilte Arbeiten in den Kfz Werkstätten, bekam man
als junger Rekrut nichts von der Außenwelt mit.
Erst ab September`89, wurde es innerhalb der Kaserne
unruhig. Der Kraftstoff, für Fahrzeuge wurde knapp, das Essen wurde
einseitiger. Wie ich meinen eigenen Briefen entnehmen kann, bestand ein Gulasch
nur noch aus Fettstückchen und die Beilage nur noch aus geraspeltem Kohlrabi.
Die Leipziger Montagsdemos verbreiteten ihre Kraft auf
andere Städte Ostdeutschlands, DDR Bürger begannen die Botschaften anderer,
westlicher Länder zu stürmen und Ungarn öffnete die Grenzen nach Österreich für
Ostdeutsche.
Ab diesem Zeitpunkt wurde es ungemütlich. Die Offiziere
sprachen von Verrat, von geplanten Gegenmaßnahmen und forderten von den
Soldaten die Bereitschaft ab, ihre Heimat zu verteidigen.
Fernsehen wurde zugelassen, heimlich wurde Westfernsehen
geschaut. Die Montagsdemos wurden gezeigt. Ich erinnere mich an viele Bilder,
aber an eines ganz besonders deutlich: eine Mutter stellt ihren Kinderwagen auf
Straßenbahngleise, um damit den Verkehr zu behindern. Kein schönes Bild, Kinder
zu benutzen, war mir zuwider.
Immer öfter gab es Alarm in der Kaserne. Demonstranten
sollten sich angeblich auf dem Weg zur Einrichtung befinden. Angekommen sind
sie nie. Dafür wurde der Schützenpanzerwagen vor das Kasernentor gestellt.
Immer wieder drohten anonyme Anrufer mit Bombenanschlägen. Dies bedeutete das
Antreten der gesamten Truppe auf dem Appellplatz. Ob dies echte Drohungen
waren, oder die Truppe nur in Rage bringen sollte, weiß man nicht.
Auf dem Höhepunkt, im Oktober `89 gab es dann eines Nachts
den Großalarm. Alle bekamen ihre Waffen und entsprechende Munition
ausgehändigt. Die Lastwagen wurden in Reihe vom Tor bis zu den Unterkünften
abfahrbereit aufgestellt. Wir saßen sprachlos in voller Ausrüstung auf unseren
Betten oder an den Tischen. Niemand sprach ein Wort. Alle waren in Gedanken
versunken. Ich weiß nicht, woran die anderen dachten, ich kann nur sagen, woran
ich dachte. Ich dachte an meine Familie. Ich dachte daran, dass in diesem
Moment wohl auch in anderen Kasernen die Bereitschaft zum Einsatz gegen die
Bevölkerung vorbereitet wurde und ich hatte Angst. Angst davor, etwas tun zu
müssen, was ich weder wollte, noch beeinflussen konnte. Es war wohl gefühlt,
die längste Nacht in meinem Leben. Erst als der Alarm am Morgen abgebrochen
wurde, trat das Gefühl der Erleichterung wieder ein und vertrieb die
Anspannung. Es war die längste und schlimmste Nacht in meinem Leben.
Mit der Grenzöffnung 1989 traten viele Armeeangehörige die
Flucht nach vorne an. Die einen nutzten den Ausgang zur Fahnenflucht, die
anderen erschossen sich. Die einen glaubten nicht, an eine dauerhafte
Grenzöffnung, die anderen fürchteten diese.
Die Soldaten, die in den Kasernen verblieben und aus allen
Teilen der Republik kamen, freuten sich langsam über die Veränderungen. Sagte
ich ihnen, dass sie demnächst mit ihrer beruflichen Kündigung rechnen können,
lachten sie nur. Doch schon im Oktober`89 überfluteten die Kündigungen den
Kasernenhof. Dies konnte nur denjenigen überraschen, der in der sozialistischen
Schule nicht aufgepasst hatte und dem das Allgemeinwissen zum Zustand der DDR
fehlte. Es überraschte sehr, sehr viele junge und alte, Grundwehrdienstler und
Reservisten, Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere.
Ich vermied es, den Westen während meiner Armeezeit zu
besuchen. Ich schämte mich für die DDR Bürger, die sich mit Bananen,
Schokolade, Cola Dosen und dem Hundert D-Mark Schein locken ließen, ohne
nachzudenken, ohne die Folgen auch nur im geringsten einschätzen zu können.
Warum hatten sie alles vergessen, wo war ihr Stolz geblieben. Das Gefälle,
welches zwischen Ost und West nach 40 jähriger Trennung bestehen musste, warum
dachte niemand daran?
Anstatt ans das Volk und an das Große und Ganze zu denken,
dachte damals schon jeder nur an sich. Sie glaubten an die Mär von den
vermissten Brüdern und Schwestern, an die Mär von Wohlstand und
Gleichberechtigung für alle, an die Mär der Gleichheit aller Menschen. Sie
glaubten daran, eine Chance zu haben, mit ihren Produkten, mit ihren Betrieben,
mit ihren Plänen.
Sie glaubten dem Glanz der Schaufenster in westlichen
Straßen, sie glaubten dem Gerede vom Überfluss, der alle trägt. Sie ließen ihre
Kinder in den Ostgebieten auf sich selbstgestellt zurück, sie benahmen sich wie
Tiere.
Als Dank für 40 jähriges Aushalten einer Diktatur, bekamen
sie nicht den Marshallplan, sondern die fleißigen Mitarbeiter der Treuhand zur
Seite gestellt. Um den westlichen Unternehmen lästige Konkurrenz vom Halse zu
halten und das östliche Unvermögen zu zementieren. Blühende Landschaften,
dieser Begriff ist wohl wörtlich zu nehmen. Groß- und Einzelhandel statt
Industrie. Straßen, die vor allem Urlauber aus den westlichen Bundesländern in
östliche Urlaubsrefugien befördern sollen. Privateigentum für diejenigen, die
schon 50 Jahre länger Vermögen anhäufen konnten. Billige Arbeitskräfte, die man hin- und
herschieben kann. Hunderttausende, Millionen zerbrochener Lebensläufe.
Dies ist das Endergebnis der Wende.
Arbeitslosenzahlen, die ihr Niveau kaum verändern, nur noch
Saisonbedingt. Ausbreitung des Billiglohnsektors seit der Wende, bei
gleichzeitigem Anstieg der Lebenshaltungskosten auf allen Gebieten. Die
Einführung des Euros, die bei genauerer Betrachtung einer Währungsabwertung
gleicht. Arm und Reich stehen sich wieder gegenüber, Verbesserungen sind nicht
in Sicht.
Der finanzielle und soziale Puffer, auf dem die Stabilität
der Bundesrepublik beruht, sind aufgebraucht. Sie sind gezwungen, zu planen, um
die freie Marktwirtschaft zu garantieren. Sie haben sich in der globalisierten
Welt von Allem und Jedem abhängig gemacht. Mitgegangen, mitgefangen, Umwege
ausgeschlossen.
Es sind wohl diese immer gleichen Abläufe, welche uns am
Ende die immer gleichen Ergebnisse bescheren.
Inwieweit die oben beschriebenen Vorkommnisse mein Leben
beeinflusst haben, ich bin mir darin nicht sicher. Ich habe mir zumindest den
Blick nach unten bewahrt. Das Elend, die negativen Veränderungen einer Gesellschaft
bleiben mir nicht verborgen. Alles zu negieren und nur dem Licht zu folgen,
liegt mir nicht. Die Schattenseiten aller Entwicklungen sind das Interessante
und erfordern zielgerichtete Maßnahmen. Das Gute funktioniert oft ohne große
Anstrengungen. Erfolg ist zwar planbar, einseitiger Erfolg wandelt sich allzu schnell
in Misserfolg.
Warum scheiterten alle bisherigen Systeme oder bauen auf den
Schultern der verarmten Massen ihren Erfolg auf? Warum scheinen Menschen dieses
System zu lieben, bis die Not nach ihnen greift? Warum versucht niemand vorher
einzugreifen, wenn die Möglichkeiten noch bestehen und der Aufwand geringer
ist? Wie immer, habe ich das Gefühl, nichts ändern zu können. Doch das Ergebnis
und die Folgen der Handlungen aller Beteiligten kann ich spüren.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen