Dienstag, 21. Mai 2013

1989


1989


Viel wurde über das Wendejahr 1989 gesagt, geschrieben und durch Film-Theaterschaffende in Szene gesetzt. Wie üblich, überwiegen die Meinungen der Profiteure einer Veränderung. Wie erlebten es junge Menschen, wie erlebte ich es, was sah ich, was wusste ich, welche Eindrücke schlugen auf einen Menschen ein. Welchen Veränderungen musste ich mich stellen und wie sah ich das Ganze? Was konnte ich tun, welchen Einfluss hatte ich auf die Geschehnisse?
Im Mai 1989 begann mein Wehrdienst, in der Nationalen Volksarmee. Stationiert in Niederlehme bei Königswusterhausen, bedeutete dies  einen langen Abschied von Zuhause und einen extremen Einschnitt, in die persönliche Freiheit und jugendliche Unbefangenheit. Ab jetzt hatten andere das Sagen und man hatte zu gehorchen.
Im Mai 1989 war von der Wendestimmung noch nichts zu spüren. Grundausbildung, politische Bildung und die Versorgungslage waren für Offiziere und Mannschaften unverändert und Alltag.
Dank des Fernsehverbotes und zahlreichen Aufgaben im Revierdienst oder durch zugeteilte Arbeiten in den Kfz Werkstätten, bekam man als junger Rekrut nichts von der Außenwelt mit.
Erst ab September`89, wurde es innerhalb der Kaserne unruhig. Der Kraftstoff, für Fahrzeuge wurde knapp, das Essen wurde einseitiger. Wie ich meinen eigenen Briefen entnehmen kann, bestand ein Gulasch nur noch aus Fettstückchen und die Beilage nur noch aus geraspeltem Kohlrabi.
Die Leipziger Montagsdemos verbreiteten ihre Kraft auf andere Städte Ostdeutschlands, DDR Bürger begannen die Botschaften anderer, westlicher Länder zu stürmen und Ungarn öffnete die Grenzen nach Österreich für Ostdeutsche.
Ab diesem Zeitpunkt wurde es ungemütlich. Die Offiziere sprachen von Verrat, von geplanten Gegenmaßnahmen und forderten von den Soldaten die Bereitschaft ab, ihre Heimat zu verteidigen.
Fernsehen wurde zugelassen, heimlich wurde Westfernsehen geschaut. Die Montagsdemos wurden gezeigt. Ich erinnere mich an viele Bilder, aber an eines ganz besonders deutlich: eine Mutter stellt ihren Kinderwagen auf Straßenbahngleise, um damit den Verkehr zu behindern. Kein schönes Bild, Kinder zu benutzen, war mir zuwider.
Immer öfter gab es Alarm in der Kaserne. Demonstranten sollten sich angeblich auf dem Weg zur Einrichtung befinden. Angekommen sind sie nie. Dafür wurde der Schützenpanzerwagen vor das Kasernentor gestellt. Immer wieder drohten anonyme Anrufer mit Bombenanschlägen. Dies bedeutete das Antreten der gesamten Truppe auf dem Appellplatz. Ob dies echte Drohungen waren, oder die Truppe nur in Rage bringen sollte, weiß man nicht.
Auf dem Höhepunkt, im Oktober `89 gab es dann eines Nachts den Großalarm. Alle bekamen ihre Waffen und entsprechende Munition ausgehändigt. Die Lastwagen wurden in Reihe vom Tor bis zu den Unterkünften abfahrbereit aufgestellt. Wir saßen sprachlos in voller Ausrüstung auf unseren Betten oder an den Tischen. Niemand sprach ein Wort. Alle waren in Gedanken versunken. Ich weiß nicht, woran die anderen dachten, ich kann nur sagen, woran ich dachte. Ich dachte an meine Familie. Ich dachte daran, dass in diesem Moment wohl auch in anderen Kasernen die Bereitschaft zum Einsatz gegen die Bevölkerung vorbereitet wurde und ich hatte Angst. Angst davor, etwas tun zu müssen, was ich weder wollte, noch beeinflussen konnte. Es war wohl gefühlt, die längste Nacht in meinem Leben. Erst als der Alarm am Morgen abgebrochen wurde, trat das Gefühl der Erleichterung wieder ein und vertrieb die Anspannung. Es war die längste und schlimmste Nacht in meinem Leben.
Mit der Grenzöffnung 1989 traten viele Armeeangehörige die Flucht nach vorne an. Die einen nutzten den Ausgang zur Fahnenflucht, die anderen erschossen sich. Die einen glaubten nicht, an eine dauerhafte Grenzöffnung, die anderen fürchteten diese.
Die Soldaten, die in den Kasernen verblieben und aus allen Teilen der Republik kamen, freuten sich langsam über die Veränderungen. Sagte ich ihnen, dass sie demnächst mit ihrer beruflichen Kündigung rechnen können, lachten sie nur. Doch schon im Oktober`89 überfluteten die Kündigungen den Kasernenhof. Dies konnte nur denjenigen überraschen, der in der sozialistischen Schule nicht aufgepasst hatte und dem das Allgemeinwissen zum Zustand der DDR fehlte. Es überraschte sehr, sehr viele junge und alte, Grundwehrdienstler und Reservisten, Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere.
Ich vermied es, den Westen während meiner Armeezeit zu besuchen. Ich schämte mich für die DDR Bürger, die sich mit Bananen, Schokolade, Cola Dosen und dem Hundert D-Mark Schein locken ließen, ohne nachzudenken, ohne die Folgen auch nur im geringsten einschätzen zu können. Warum hatten sie alles vergessen, wo war ihr Stolz geblieben. Das Gefälle, welches zwischen Ost und West nach 40 jähriger Trennung bestehen musste, warum dachte niemand daran?
Anstatt ans das Volk und an das Große und Ganze zu denken, dachte damals schon jeder nur an sich. Sie glaubten an die Mär von den vermissten Brüdern und Schwestern, an die Mär von Wohlstand und Gleichberechtigung für alle, an die Mär der Gleichheit aller Menschen. Sie glaubten daran, eine Chance zu haben, mit ihren Produkten, mit ihren Betrieben, mit ihren Plänen.
Sie glaubten dem Glanz der Schaufenster in westlichen Straßen, sie glaubten dem Gerede vom Überfluss, der alle trägt. Sie ließen ihre Kinder in den Ostgebieten auf sich selbstgestellt zurück, sie benahmen sich wie Tiere.
Als Dank für 40 jähriges Aushalten einer Diktatur, bekamen sie nicht den Marshallplan, sondern die fleißigen Mitarbeiter der Treuhand zur Seite gestellt. Um den westlichen Unternehmen lästige Konkurrenz vom Halse zu halten und das östliche Unvermögen zu zementieren. Blühende Landschaften, dieser Begriff ist wohl wörtlich zu nehmen. Groß- und Einzelhandel statt Industrie. Straßen, die vor allem Urlauber aus den westlichen Bundesländern in östliche Urlaubsrefugien befördern sollen. Privateigentum für diejenigen, die schon 50 Jahre länger Vermögen anhäufen konnten.  Billige Arbeitskräfte, die man hin- und herschieben kann. Hunderttausende, Millionen zerbrochener Lebensläufe. Dies  ist das Endergebnis der Wende.
Arbeitslosenzahlen, die ihr Niveau kaum verändern, nur noch Saisonbedingt. Ausbreitung des Billiglohnsektors seit der Wende, bei gleichzeitigem Anstieg der Lebenshaltungskosten auf allen Gebieten. Die Einführung des Euros, die bei genauerer Betrachtung einer Währungsabwertung gleicht. Arm und Reich stehen sich wieder gegenüber, Verbesserungen sind nicht in Sicht.
Der finanzielle und soziale Puffer, auf dem die Stabilität der Bundesrepublik beruht, sind aufgebraucht. Sie sind gezwungen, zu planen, um die freie Marktwirtschaft zu garantieren. Sie haben sich in der globalisierten Welt von Allem und Jedem abhängig gemacht. Mitgegangen, mitgefangen, Umwege ausgeschlossen.
Es sind wohl diese immer gleichen Abläufe, welche uns am Ende die immer gleichen Ergebnisse bescheren.
Inwieweit die oben beschriebenen Vorkommnisse mein Leben beeinflusst haben, ich bin mir darin nicht sicher. Ich habe mir zumindest den Blick nach unten bewahrt. Das Elend, die negativen Veränderungen einer Gesellschaft bleiben mir nicht verborgen. Alles zu negieren und nur dem Licht zu folgen, liegt mir nicht. Die Schattenseiten aller Entwicklungen sind das Interessante und erfordern zielgerichtete Maßnahmen. Das Gute funktioniert oft ohne große Anstrengungen. Erfolg ist zwar planbar, einseitiger Erfolg wandelt sich allzu schnell in Misserfolg.
Warum scheiterten alle bisherigen Systeme oder bauen auf den Schultern der verarmten Massen ihren Erfolg auf? Warum scheinen Menschen dieses System zu lieben, bis die Not nach ihnen greift? Warum versucht niemand vorher einzugreifen, wenn die Möglichkeiten noch bestehen und der Aufwand geringer ist? Wie immer, habe ich das Gefühl, nichts ändern zu können. Doch das Ergebnis und die Folgen der Handlungen aller Beteiligten kann ich spüren. 

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